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Trauer ist individuell

aus + Kommentieren + 01.06.2016

Am 25.5.2016 wurde zum ersten Mal der Fritz Roth Medienpreis für Zivilcourage verliehen. Ich durfte einen Abend erleben, der unter die Haut ging. Der Medienpreis möchte Menschen ehren, die der individuellen Trauer mitten im Leben ein Gesicht geben.

Fritz Roth war bis zu seinem Tod (2012) der bundesweit bekannteste Vertreter der Bestattungsbranche. Durch seine öffentlichen Auftritte und seine Bücher und Filme hat er viel dafür getan, dass die Themen Trauer und Tod mehr in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wurden.

Der diesjährige Preisträger, Georg Kronthaler (Foto) hat 2006 den schmerzlichen Verlust seines Bruders Markus erlebt. Über ein Jahr lag der Österreicher Markus Kronthaler tot auf dem Gipfel des Broad Peak in Pakistan, bevor sein Bruder Georg den Leichnam ins Tal holen konnte.

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Der Gedanke, dass sein Bruder tot und unbedeckt in 8000 Metern Höhe lag, beschäftigte ihn unaufhörlich. Er konnte so nicht trauern. Er konnte so nicht weiter leben. Er stellte sich vor, wie täglich Bergsteiger an dem Leichnam vorbei gingen und seinen toten Bruder fotografierten. Die Vorstellung, Bilder seines toten Bruder irgendwann im Netz zu sehen und jedes Jahr ein Update wiederzufinden, war unerträglich. Nach der Abschiedsfeier, am leeren Grab, war er sich ganz sicher und verkündete seine Entscheidung. Er wollte das tun, was angeblich völlig unmöglich war. Er wollte seinen Bruder aus der Todeszone bergen und ihm ein würdevolles Begräbnis ermöglichen.

Für diese Entscheidung hatte niemand Verständnis. Es ging soweit, dass man ihm mit der Justiz drohte. Es sollten nicht noch mehr Menschen ihr Leben lassen. Er blieb bei seiner Entscheidung. Er wollte sehen, was sein Bruder gesehen hat. Er wollte riechen, was sein Bruder gerochen hat. Und er wollte seinen Bruder nach Hause holen. Er wusste, nur so konnte er die Trauer bewältigen und in Frieden weiter leben.

2 Monate plante er jeden Schritt. Als erfahrener Bergführer überließ er nichts dem Zufall. Er konzipierte das richtige Material und absolvierte ein Höhentraining. Gemeinsam mit Freunden übte er, wieder und wieder, jede Phase der Bergung ein. Auch wenn er keinen einzigen Gedanken daran verschwendete, dass die Bergung nicht gelingen könnte, das Risiko, dass jemandem etwas passieren könnte, wollte er auf gar keinen Fall eingehen.

Langsam und einfach schilderte Georg Kronthaler an dem Abend den mühsamen Aufstieg. Stets erfüllt und geführt von der Liebe zu seinem Bruder traf der erfahrene Bergsteiger und Lawinenspezialist punktgenau jede notwendige Entscheidung. Er ließ uns den Moment miterleben, als er seinen Bruder nach monatelangem Kampf entdeckte. Endlich Abschied nehmen zu können war schwer und Glück zugleich. Gebannt lauschte ich seinen Erzählungen. Auch nach so vielen Jahren fiel es ihm schwer über die Geschehnisse zu sprechen. Zur Unterstützung blendete er zwischendurch kleine Filmsequenzen ein, die seinen intensiven Erzählungen nochmal eine andere Dimension verliehen. Um die kostspielige Expedition zu finanzieren, hatte er über Freunde einen Fernsehsender gefunden, der bereit war, die Bergung einfühlsam und ohne Sensation zu begleiten. Die Dokumention ‘Grab in eisigen Höhen’ wurde 2008 mit dem bayrischen Fernsehpreis prämiert.

Wie wichtig jeder einzelne Schritt in der Trauerarbeit ist, zeigte weiterhin die Entscheidung, seinen Bruder im Sarg nach Österreich zu überführen. Dieser Schritt war mit ebenfalls großen Widrigkeiten verbunden. Die Art und Weise der Einäscherung in Pakistan kamen für G.Kronthaler jedoch auf gar keinen Fall in Frage.

An diesem Abend hat Georg Kronthaler mit jedem Wort daran erinnert, dass Trauer Liebe ist. Seine Liebe ist so groß, sie konnte Berge versetzen und seine Trauer ins Fließen bringen. Sie schenkte ihm und seiner Familie den ersehnten Frieden. Seine Liebe ließ ihn an das Unmögliche glauben. Er vollbrachte eine Wende in der Bergsteigerlogik. Es ist möglich, bei entsprechend perfekter Planung das Risiko zu minimieren und Tote aus eisigen Höhen zu holen. Mit der Kronthaler Mountain Recovery Foundation  unterstützt er heute vor allem pakistanische Bergführer bei der Ausbildung zu Bergrettern und ermöglicht Menschen eine neue Form der Existenzsicherung.

Mir hat Georg Kronthaler einen unvergessenen Abend geschenkt und mich einmal mehr an meine große Dankbarkeit erinnert. Ich durfte vor vielen Jahren meine Mutter und Großmutter im Hause Pütz & Roth auf meine Weise verabschieden. Bis heute spüre ich täglich diesen tiefen Trost und Frieden.

Der offizielle Teil des Abends endete wie er begonnen hatte, mit Purple Schulz. Der Musiker spielte für uns ‘Der letzte Koffer”. Zu Lebzeiten hatte er diesen Song Fritz Roth gewidmet.

Die Veranstaltungen bei Pütz & Roth sind immer eine Reise wert. Hier wird Mitmenschlichkeit gelebt.

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